Die Kunst des Tischmeisters (tamadoba) - Eine männliche Domäne?
Abstract
Spätestens seit der Bronzezeit spielen kultische Mahl- und Trankzeiten eine bedeutende Rolle für das gesellschaftliche und kulturelle Leben in Georgien. Auch in der Gegenwart findet geselliges Beisammensein zumeist in Form eines Bankettes (supra) statt. Das supra unterscheidet sich durch seine konstitutiven Eigenschaften sowohl von profanen Mahlzeiten als auch von Banketten in der westlichen Welt. Neben der Nahrungsaufnahme steht der Konsum alkoholischer Getränke (besonders von Wein) im Vordergrund. Dabei gilt die Regel: Kein Tropfen Alkohol wird getrunken, ohne zuvor einen Trinkspruch (sadyegrzelo) auszubringen. Für die Einführung der Trinksprüche ist ein Tischmeister (famada) zuständig, der zuvor von den versammelten Gästen bestimmt worden ist. Aus einem tradierten Repertoire wählt der tamada das Thema seines Trinkspruches aus und formuliert dieses auf möglichst kunstvolle und individuelle Weise. Das "Gelingen” eines supra hängt in erster Linie von den Fähigkeiten des tamada ab: Er soll die Gäste unterhalten, aber auch zu ihrer Bildung beitragen und neben rhetorischem Geschick auch über soziale Kompetenz (besonders Durchsetzungs- und Einfühlungsvermögen) verfügen.


