Vier neuere udische Texte (Teil 1)
Abstract
Vor jetzt einundachtzig Jahre publizierte der Doyen der kaukasischen Sprachwissenschaft Adolf Dirr (1867-1930) in der Zeitschrift Caucasica vier udische Erzählungen, die er in den Jahren zwischen 1902 und 1904 vom damaligen Aufseher des 'Kaukasischen Lehrbezirks‘ IL. Loptanskij erhalten hatte (Dirr 1928). Drei dieser Erzählungen stammen vermutlich aus der Feder des udischen Lehrers und Volkskundlers Mixail BeZanov, der auch an der maßgeblich von seinem Bruder Semjon BeZanov getragenen Übersetzung der Evangelien ins Udische (1902) beteiligt war. Dirr übersetzte die vier Texte mit Hilfe udischer Informanten aus der Ortschaft Vartashen (jetzt Oguz) ins Deutsche und lieferte damit eine wichtige Quelle zum Verständnis dieser stark bedrohten ostkaukasischen Sprache. Gegenüber Adolf Dirrs Zeiten hat sich das ohnehin kleine Sprachgebiet der Uden weiter reduziert: Bis 1989 wurde die Sprache von etwa 6.000 Menschen nur noch in zwei Ortschaften (und in wenigen umliegenden Weilern) in Nordaserbaidschan gesprochen, in Nizh und im oben erwähnten Vartashen. Im Gefolge des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts wurde die Mehrzahl der Uden aus Vartashen vertrieben, so dass sich Udisch heute vor aliem in Nizh (etwa 3.000 Sprecher), in einer von Vartashen aus 1922 gegründeten Siedlung (Zinobiani) in Ostgeorgien (ca. 150 Sprecher) und in der Diaspora (vor allem in Russland, Kasachstan, Armenien) findet.


